In Anknüpfung an den erfolgreichen ersten hessischen Heilberufetag, der im Januar diesen Jahres in Wiesbaden stattfand, veranstalteten die Körperschaften der hessischen Heilberufe am 05. November im Titus Forum im Frankfurter Nordwestzentrum eine Podiums- und Plenumsdiskussion, an der rund 90 Landespolitiker, Ärzte, Psychotherapeuten, Patienten und Bürger teilnahmen. Thema der Veranstaltung war der Spannungsbogen zwischen dem Kalkül der sich ausdehnenden Gesundheitswirtschaft und -verwaltung einerseits und der Logik ärztlichen und psychotherapeutischen Heilens und Helfens andererseits.
In seinem Begrüßungsworten erwähnte Dr. Giesbert Schulz-Freywald, Vizepräsident der Zahnärztekammer, den berühmten Frankfurter Arzt und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann (u.a. Verfasser des Struwwelpeters). Der Ruf nach verstärkter Gesundheitsprävention wird immer lauter und Hoffmann könne da gut mit einer sozusagen familiengesundheitspräventiven Maßnahme als ein Beispiel dienen: Jedes Jahr im Sommer sei er mit Kind und Kegel, mit gesamtem Hausstand, für sechs Wochen zur Erholung nach Thüringen verreist.
Jürgen Hardt, Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen, brachte in seiner mit sehr viel Applaus bedachten Einführung in das Thema seine große Sorge zum Ausdruck, dass mit den fortlaufenden Veränderungen des Gesundheitsversorgungssystems sich die ärztliche und psychotherapeutische Behandlungskultur in eine Gesundheitswirtschaft mit schwerwiegenden fachlichen und ethischen Implikationen verwandelt. Er erinnerte nochmals daran, dass die gemeinschaftliche Krankenversorgung am Beginn jeglicher Kultur steht; so praktizierten etwa schon die Neandertaler eine solidarische Versorgung ihrer Kranken. In der späten Moderne sei diese solidarische Behandlungseinrichtung jedoch in eine Krise geraten und in eine Falle getappt. Hardt zitierte in diesem Zusammenhang ein zynisch-knappes Bild des Wirtschaftswissenschaftler Walter Krämer: Mit Hilfe der modernen Medizin haben wir oftmals den früher geraden Weg zum Friedhof umgeleitet, was große Kosten verursacht. Die Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsverwaltung sollten nun helfen, diese großen Kosten einzudämmen, das gemeinschaftliche Behandlungsangebot für alle aufrechtzuerhalten und zu garantieren.
Hardt räumte ein, dass die ökonomische und administrative Denkweise im Gesundheitswesen solange eine Berechtigung habe, wie man annehmen kann, dass die Logik klugen Wirtschaftens dem Leben gerecht wird. Er sehe jedoch zwei fatale Auswirkungen dieses Rettungsversuchs des Gesundheitssystems mittels Marktwirtschaft (z.B. Wettbewerb) und Kontrolle (z.B. Qualitätssicherung/ –mangement). Zum eine kehre sich das Dienstverhältnis zwischen den Gesundheitswirtschaftlern und Verwaltungsfachleuten, die etwa in Krankenkassen tätig sind, und Therapeuten sowie Ärzten um; letztere würden zu „Leistungserbringern“ im Gesundheitssystem herabgesetzt werden. Zum anderen drohe eine ethische Verformung in der Krankenbehandlung. Und hier, so Hardt, seien Politiker gefragt. Ihre Aufgabe ist es über die Parteien, „an der Bildung des politischen Willens auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens mitzuwirken“. Die solidarische Krankenbehandlung sei ein kostbares öffentliches Gut. Mit ihr stehe die Kultur unseres Zusammenlebens auf dem Spiel. Da sei öffentliche Auseinandersetzung gefragt; die aber ausbleibe. Stattdessen würden sich die Gesundheitspolitiker der Sprache und Denkweise der boomenden Gesundheitswirtschaft bedienen. Zentrale gesellschaftlich-gesundheitsethische Fragen würden aber verdrängt und abgespalten werden: Was ist das natürliche Leben in Zeiten schier unbegrenzt scheinender Machbarkeit? Was ist das Hinzunehmende und Selbstzuverantwortende im Leben? Wo sind die Grenzen solidarischer Verpflichtung und wo beginnt Eigenverantwortung? Gibt es noch den Tod als natürliches Ende des Lebens?
Diese und weitere Fragen gab der FAZ-Journalist Claus-Peter Müller von der Grün, der die Veranstaltung spritzig moderierte, an das Podium weiter.
Hans Rohn, Patientenvertreter von der Deutschen Myastenie Gesellschäft, berichtete, wie Patienten die Verwirtschaftlichung und Bürokratisierung des Gesundheitssystems erleben: Zu Beginn ihrer Krankengeschichte würden Patienten oft immer noch viele Vorschusslorbeeren an ihre behandelnden Ärzte verteilen. Aber durch Zeitdruck, Arztrotationen, Überbelegung oder Personalmangel in den Krankenhäusern würde dieser Vertrauensvorschuss wieder zerstört werden. Große Probleme gebe es außerdem mit Verschreibungsregelungen einzelner Krankenkassen (Rabattverträge).
Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer, hat eine Mittelknappheit im Gesundheitssystem seit Mitte der 70iger Jahre ausgemacht. Er konstatierte zudem, dass heutzutage der Einfluss der Ökonomie auch bei Entscheidungen am Ende des Lebens sich nicht mehr völlig ausschließen lasse. Konkret stellte er des Weiteren den wirtschaftlichen und inhaltlichen Nutzen des Gesundheitsfonds und der elektronischen Gesundheitskarte in Frage. Im Zusammenhang mit der Diskussion um die anteilige Verminderung der finanziellen Ausstattung des ambulanten Sektors von rund 20% auf 15% betonte er, dass es kein Auseinanderdividieren von ambulanten und stationären Leistungen bei Verteilung der Gelder im Gesundheitssystem geben darf.
Dr. Erika Fink, Präsidentin der Landesapothekerkammer, führte aus, dass die „Vergoldung“ der Leistungen von Ärzten und Apothekern schon seit vielen Jahrhunderten in mehr oder weniger zyklischen Abfolgen geschehe, abgelöst von Phasen, wo diesen Scharlatanerie und Halsabschneiderei vorgeworfen wurde; zur Zeit befinde man sich wahrscheinlich wieder in einer solchen Phase. Es müsse auch bedacht werden, dass der Gesundheitsmarkt kein „echter Markt“ sei. Sie fühle sich außerdem beispielsweise durch erwähnte Rabattregelungen behindert, ein menschlich-freundliches Verhältnis zu Patienten aufzunehmen.
Dr. Ralf-Norbert Bartelt, Landtagsabgeordneter der CDU-Fraktion und selbst Hautarzt, machte sich dafür stark, dass die Gesetzliche Krankenversicherung erhalten bleibe. Der beste Weg hierzu sei mehr Wettbewerb innerhalb der Selbstverwaltung des Gesundheitssystems (z.B. zwischen Kassen, zwischen Leistungserbringern). Es wurde deutlich, dass er, ähnlich wie von Knoblauch zu Hatzbach, den Gesundheitsfonds als Steuerungsinstrument für fraglich hält, aus Koalitionsgründen im Bund sich aber nicht dagegen stellte, in anderen politischen Konstellationen aber dafür eintreten würde, diesen abzuwenden. Was die elektronische Gesundheitskarte betrifft, so gab er die Einschätzung ab, dass die veranschlagten 1,4 Mill. € Kosten sicher nicht ausreichen würden. Tatsächlich liegen unabhängige Schätzungen weit höher und steigen beständig an. Bartelt richtete zudem einen Blick in die Zukunft, indem er forderte, dass für das Gesundheitssystem eine steuer- oder beitragsfinanzierte „Demographiereserve“ ausgebaut werden müsse.
Florian Rentsch, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion und dort zuständig für die Bereiche „Gesundheit“ und „Familie“, gab seiner Befürchtung Ausdruck, der Gesundheitsfonds könne ein Verwaltungsmonster gebären, das dann fernab von inhaltlichem Sinn und Zweck eine selbst erhaltende funktionale Autonomie entwickelt. Es kann gefragt werden, ob eine solche Sicht nicht die Auswirkungen des Fonds und des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs verkennt. Rentsch forderte, dass eine gesellschaftliche Übereinstimmung darüber hergestellt werden müsse, was die Solidargemeinschaft bereit ist für Gesundheit/Krankheit zu zahlen. Er selbst plädierte dafür, dass der Patient selbst mehr entscheiden können muss, welche Gesundheitsleistungen er wahrnehmen und bezahlen möchte, etwa mittels einer gemeinschaftlichen Grundversorgung plus privaten Zusatzleistungen, die von Wettbewerbern auf dem Gesundheitsmarkt angeboten werden. Als Beispiel für gelungenen Wettbewerb im Gesundheitssystem nannte er die Absenkung de Verwaltungskosten in der AOK um etwa 20%, als Mitte der 90iger Jahre die Betriebskrankenkassen auf den Markt kamen.
Marjana Schott, Parlamentarische Geschäftsführerin und sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Hessischen Landtag, versuchte auf die von Jürgen Hardt gestellten Fragen nach den Grenzen der medizinischen Machbarkeit zu antworten: Die Kultur des Sterbens und Trauerns sei in unserer Gesellschaft „hundsmiserabel“. Auch existiere bezüglich Krankheit weiterhin eine ausgeprägte Verdrängungskultur, was verschärft für seelische Erkrankungen wie Depression gelte. Sie sprach sich des Weiteren ausdrücklich für eine Stärkung der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Allerdings nicht, wie Bartelt, durch mehr Wettbewerb, sondern dadurch, dass das das Gesundheitssystem finanziell besser ausgestattet wird, etwa indem die Beitragsbemessungsgrenzen aufgehoben werden.
Im Anschluss an die Podiumsstatements wurde das Plenum in die Diskussion miteinbezogen.
Es wurde dort etwa die These in Frage gestellt, dass verstärkter Wettbewerb zu Verbesserungen im Gesundheitssystem führt. So richte sich etwa teilweise die Vergabe von Diagnosen sowie die daraus folgenden Therapieverschreibungen mehr am Absatzbedarf der Medikamentenhersteller, denn an den Behandlungsbedürfnissen und –notwendigkeiten in Bezug auf die Patienten aus. Pharmafirmen würden in Verbindung mit verstärktem Wettbewerb im Gesundheitssystem immer mehr vor allem Produktdesign betreiben, dessen Nutzen für Patienten höchst zweifelhaft erscheint.
Einige der im Plenum anwesenden Fachärzte äußerten unter teilweise gefühlsmäßig starker Erregung, dass sie aufgrund ungenügender Behandlungsbudgets ihren beruflichen Pflichten nicht mehr nachkommen können. Sie beklagten, dass bestimmte sinnvolle Vorsorgeleistungen, wie etwa Hautkrebsscreenings, wieder aus dem GKV-Katalog herausgenommen werden.
Insgesamt machte die lebendige und spannende Veranstaltung deutlich, dass bei weitestgehender Einigkeit darüber, dass eine solidarische Gesundheitsversorgung schützenswertes Gut ist, weiterhin viel Unzufriedenheit seitens Ärzten, Psychotherapeuten und Patienten mit bestimmten Aspekten (z.B. Gesundheitsfonds, elektronische Gesundheitskarte, Wettbewerbsorientierung) und Auswirkungen (z.B. Budgetknappheit, Zeitdruck, erhöhter Dokumentationsaufwand) der wirtschafts-, verwaltungs- und bürokratieorientierten Gesundheitsreformen herrscht. Auf dem Podium wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass Wettbewerb im Gesundheitsmarkt nicht vergleichbar sei mit den Mechanismen des freien Markts. Leider wurde aber größtenteils versäumt, konkret zu verdeutlichen, worin die Unterschiede denn genau bestehen. Auch konnte man etwas den Eindruck gewinnen, als seien selbst die Politiker ein wenig machtlos darin, die von Jürgen Hardt mit großer Sorge betrachteten Auswirkungen der Ökonomisierung und Bürokratisierung des Gesundheitssystems, wie die ethische Verformung der Heilberufe, einzudämmen. Es wirkte so, als seien alle an der Diskussion auf dem Podium und im Plenum Beteiligten lediglich Teil der Umwelt eines Gesundheitsreformsystems, das alles, was dort in der Umwelt geäußert wird, als bereitgestelltes informationales und kontingentes Rauschen nutzt, um sich selbst zu erhalten und kontinuierlich selbst herzustellen.
MO