Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,
ich begrüße Sie herzlich zu unserer Veranstaltung „Wer hört die Kinder weinen?“.
In meinem Anschreiben habe ich darauf hingewiesen, dass der Titel einer Anspielung an ein Buch von Lloyd de Mausse ist, das uns in den siebziger Jahren wachgerüttelt hat. Er selbst hatte ja geschrieben, dass die Geschichte der Kindererziehung ein Albtraum sei, aus dem wir gerade erst erwachen. So der Beginn des Buches, das in Deutsch unter dem Titel „Hört Ihr die Kinder weinen?“ erschienen ist. Aber sein Weckruf hat nicht Viele erreicht. 2002 klagt Lloyd de Mausse sehr entschieden, sehr heftig darüber, dass man seine Befunde nicht wahr haben will. Dass man ihn für einen unzuverlässigen Wissenschaftler hält, der aus Bagatell-Befunden allgemeine Schlüssel zieht und dass man alle Mittel ansetzt, um ihn in einer wissenschaftlichen Seriosität zu attackieren. Besonders entscheidend ist das für ihn, weil damit die Schlussfolgerung die er aus seinen Forschungen zieht, versucht werden abzuwenden oder zumindest einzudämmen. Nach ihm hat die Gewalt gegen Kinder, der Missbrauch, die Vernachlässigung, die Verstümmelung weitgehend soziale Gewalt zufolge, deren einzige wirkliche Therapie nur darin bestehen kann, Eltern in die Lage zu versetzen, Kinder mit Respekt und Liebe aufzuziehen.
Um so eine Bewegung in Gang zu bringen, muss aber zuerst das Elend der Kindheit in vielen Fällen anerkannt werden, was bedeutet, dass die verbreitete Idealisierung der Kindheit aufgeben werden muss. Hinschauen ist notwendig, das heißt, wenn wir fragen „Wer hört die Kinder weinen?“ müssen wir uns fragen, wer wagt es hinzuhören, wer wagt es hinzuschauen und die Befunde ernst zu nehmen. Das Hinschauen und Hinhören ist deswegen so schwer, weil es eine allgemeine Tendenz gibt, die Grausamkeiten gegenüber Kindern nicht wahrzunehmen, stattdessen „zu vertuschen, zu verleugnen und zu verschönigen“. Lloyd de Mausse bleibt dabei aber nicht stehen, dass er einfach sagt das ist ein Faktum, das wir nicht zur Kenntnis nehmen wollen, sondern er gibt eine psychodynamische Erklärung für das kindliche Elend, den Albtraum, wie er ihn ursprünglich nannte. Nach seinem Verständnis dienen Kinder oft als Gefäß für alles das, was Erwachsene nicht an sich wahrhaben und akzeptieren können. Die Belege und Beispiele für ein solches Verständnis sind überwältigend. Dabei greift er auf die Geschichte zurück und auf verschiedene ethnologische Praktiken. Nach diesem Muster sollen Kinder Gefühle aufnehmen wie ein Gefäß und das können sie umso besser, je unschuldiger sie sind. Denn dann sind sie wirklich geeignet, alles Gemeine und Abscheuliche für die Eltern zu übernehmen, das wiederum rechtfertigt jegliche Grausamkeit ihnen gegenüber. Aus solchen missbrauchten Kindern werden dann Erwachsene, die das traumatisch Erlebte zur eigenen Stabilisierung aktiv wiederholen, wiederholen müssen. So entsteht ein Teufelskreis des Missbrauchs und der Gewalt.
Lloyd de Mausse sieht darin die entscheidende Ursache der nicht endenen Kette von Grausamkeiten und Kriegen. Er ruft dazu auf, das Elend der Kinder anzuerkennen und dem Elend gemeinsam entgegen zu treten, umso etwas zur Befriedung der Welt beizutragen. So wird das Privateste, die Kindheit, zu einer öffentlichen Sache. Und hier, bei allen Bedenken die man gegen seine Sichtweiße haben kann, wenn man fragt, ob tatsächlich das die einzige Quelle der Gewalt ist oder ob man nicht auch andere Gesichtspunkte einbeziehen muss, taucht etwas weiteres auf. Kindheit gelingt nur in dem Schutz der Privatheit. Die Öffentlichkeit sollte sich nur im Notfall in die privatesten Angelegenheiten einmischen. Es entsteht aber so eine Schere. Der Schutz der Privatheit kann zur Legitimation von Unvermögen, Gewalt und Missbrauch werden. Und hier gilt es abzuwägen: Was ist für das Kindeswohl das Wichtige, wo ist Öffentlichkeit gefragt und wie viel Risiko muss Öffentlichkeit im privaten Raum zulassen und ertragen?
Jürgen Hardt